10.10.2026
JAMES MARRIOTT: DAS ENDE DES LESENS

Der Autor James Marriott ist einer der führenden Intellektuellen Großbritanniens. Er ist Kolumnist der Times und einer der meistgelesenen Autoren der Zeitung. Zudem ist er häufiger Gast des britischen Fernsehens und Radios. Der in London lebende James Marriott arbeitet auch für die BBC.

Im Klappentext heißt es: „Zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches beginnt die »goldene Kette des Wissens«, die Lesende über Jahrhunderte miteinander verband, wieder zu reißen. Die »Leserevolution« des 18. Jahrhunderts machte die Aufklärung, Wissenschaft und Demokratie erst möglich, denn wer liest, lernt strukturiertes, argumentatives Denken. Durch den Verlust dieser Fähigkeit verändern sich auch Debatten: Sie werden emotionaler, fragmentierter und anfälliger für Vereinfachungen. Die Folgen dieser Entwicklung für Öffentlichkeit und Politik sieht James Marriott in einer schleichenden Erosion politischer Mündigkeit.“

Mit dem Beispiel von US-Zeitungen wird deutlich, dass die Zeitungsleser weniger wurden. Noch 1937 bezeichneten sich 90 Prozent der Amerikaner als regelmäßige Zeitungsleser. Das Angebot von Zeitungen war umfangreich, von der Morgen- bis zur Abendzeitung, von Wochenzeitung bis zur Fachzeitung. Allein New York hatte 19 Zeitungen, und 6 Zeiten gab es in Chicago. Von dieser Breite ist heute nichts mehr vorhanden. Marriott schreibt: „Die Geschichte der Demokratie im 20. Jahrhundert, von der Watergate-Affäre bis zu den Pentagonpapers, ist ohne Druckerzeugnisse nicht vorstellbar. Wer selbst eine Zeitung aus dem unteren Marktsegment aufschlägt, vor allem eine aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Zeitungen noch nicht mit dem Fernsehen konkurrieren mussten, der ist oft überrascht von der Ernsthaftigkeit dieses Journalismus. Boulevardzeitungen berichteten damals trotz ihrer vielfach beklagten Mängel ausführlich über Politik, lenkten die Aufmerksamkeit auf obskure ausländische Konflikte, betreiben investigativen Journalismus und führten Kampagnen zur Abstellung von Ungerechtigkeiten. Noch in den frühen 1970er Jahren enthielt das britische Boulevardblatt Daily Mirror eine vierseitige Beilage mit dem Titel »Mirrorscope«, die es sich zur Aufgabe machte, ihre aus der Arbeiterklasse kommenden Leser über »internationale Angelegenheiten, Politik, Industrie, Wissenschaft, Kunst und Geschäftswelt« zu informieren.“

Marriott berichtet weiter, dass zwischen 2004 und 2025 in den USA ein Drittel der Tageszeitungen ihr Erscheinen eingestellt haben. In Großbritannien haben zwischen 2009 und 2019 insgesamt 320 Tageszeitungen zugemacht. Das hat Auswirkungen, Zeitungsleser sind stets besser über Politik informiert, gehen häufiger zur Wahl, betätigen sich ehrenamtlich und gehören zivilgesellschaftlichen Organisationen an. Unterschätzt wird die Macht von Büchern. Das haben vor allem die Gewerkschaften erkannt, sie gründeten Buchhandlungen und Bibliotheken.

Für James Marriott gibt es Anzeichen, dass die süchtig machenden Bildschirme eine Gegenreaktion ausgelöst haben. Die Gründer der Social-Media-Unternehmen sind keine Helden mehr. Es werden Gesetze erlassen, die den Zugang von Kindern zu den sogenannten sozialen Medien einschränkt. Das ist Hoffnung, dass sich etwas ändert. Das Smartphone hat bisher das Buch ersetzt, es zeigt, dass Bücher unersetzlich sind. Lesenswert.
khw


JAMES MARRIOTT: DAS ENDE DES LESENS
Aus dem Englischen von Michael Bischoff

DuMont Buchverlag, Köln 2026
254 Seiten – geb. – 20,00 EUR