22.09.2026
SAMUEL BECKETT GERMAN DIARIES – Tagebücher v. 28. September 1936 – 1. April 1937

Auf seiner Deutschlandreise von September 1936 bis zum 1. April 1937 schrieb Samuel Beckett ein einziges Mal in seinem Leben Tagebuch, in 6 Heften gefüllt mit Aufzeichnungen über Kunst, Literatur und Politik. Es zeigt Becketts lebenslanges Interesse an der deutschen Sprache, Kunst, Philosophie wie mit der Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Künstlern.

Das Suhrkamp-Taschenbuch „Der unbekannte Beckett“ – Samuel Beckett und die deutsche Kultur ist ein guter Einstieg beim Lesen seiner GERMAN DIARIES, der 6 Notizbücher in Englisch und Deutsch, mit einem editorischen Bericht, Anmerkungen, Zeittafel, der Reiseroute bis hin zu Becketts Kulturprogramm. Zum ersten Mal sind Samuel Beckett German Diaries in Englisch und deutscher Übersetzung erschienen.

Auf dieser Reise in Nazideutschland hat Beckett das erste und einzige Mal in seinem Leben Tagebuch geführt und detailversessen seine Erlebnisse und den Alltag aufgeschrieben. Nun liegen die German Diaries, die Tagebücher auf Deutsch vor. Beckett startet am 28. September 1936 in Dublin, reist von hier mit der Bahn von Cork nach Cobh, geht hier im Hafen als Passagier an Bord der SS Washington. Seine Seereise führt über Le Havre nach Hamburg, wo er am 2. Oktober um 4 Uhr morgens ankommt. Ausgiebig durchstreift er Hamburg, besichtigt die Kunsthalle, den Rathausplatz der in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt wurde, im Deutschlandhaus am Gänsemarkt hört er eine Rundfunksendung zur Eröffnung des Winterhilfswerks mit einer Beigabe der Ansprachen von Hitler und Goebbels. Tage später Besichtigung der Hauptkirchen, darunter auch die Michaeliskirche. Tage später Besuch von Altona. Mitte November ist er Gast bei Rosa Schapire, Förderin von Künstlern und Kunstsammlerin. Hier sieht ihre umfangreiche Sammlung mit Werken von Karl Schmidt-Rottluff. Es gibt Gespräche über das Berufsverbot von Rosa Schapire – sie ist Jüdin – und über die Sanktionen der Nazis gegen die moderne Kunst. Beckett lernt auch den Künstler Willem Grimm kennen. Über den Ohlsdorfer Friedhof schreibt er, dass er nicht konfessionsgebunden ist. Beckett weiter: „… es ist ein landwirtschaftlicher Friedhof in einem Park mit eingegliederten Gräbern und Grabfelder.“

Am 4. Dezember verlässt Samuel Beckett die kulturelle Hansestadt Hamburg und setzt seine Reise durch das „braune“ Deutschland fort. In dieser Reihenfolge der Städte Hannover, Braunschweig, Berlin, Potsdam, Halle, Weimar, Dresden, Freiberg, Würzberg, Nürnberg, Regensburg bis München fort. Es ist nicht mehr das Land, das sich zu den Olympischen ein bürgerliches Outfit gegeben hatte, es ist erneut zu Blut und Boden und dem Kampf gegen Juden und Andersdenkende zurückgekehrt.

Auf die Nerven geht Samuel Beckett, dass stets und ständig mit „Heil Hitler“ begrüßt wird. „HH“ heißt es in der Kneipe beim Bier und beim Geldsammeln mit Blechdosen für das Winterhilfswerk, aktiv beim Sammeln ist die „Hitler Jugend“.
Samuel Beckett vermittelt in den „German Diaries“ seinen unbestechlichen Blick als Beobachter auf die frühen Jahre der NS-Diktatur, zeigt es aber, dass noch Nischen gibt, die nicht unter der Kontrolle der Nazis stehen.

Samuel Beckett starb am 22. Dezember 1989 in Paris, hinterließ die Tagebücher in seinem Keller am Boulevard St. Jacques. Hier fand sie sein Neffe Edward Beckett. Die Originale befinden sich im Besitz der Familie, Kopien sind im Archiv der Beckett International Foundation an der Universität Reading in England. Der Text von Beckett enthält zahlreiche Namen, Worte und Sätze, die seine gute Kenntnis der deutschen Sprache, aber auch die neue Sprache der Nazis belegen.

Herausgegeben haben SAMUEL BECKETT GERMAN DIARIES gemeinsam Mark Nixon, Professor für englische Literatur an der Universität Reading in England, und Oliver Lubrich, Professor für Neuere Deutsche Literatur der Universität Bern. Sie danken Edward Beckett für sein Vertrauen und die Erlaubnis der Veröffentlichung der Tagebücher. Den Text übersetzte Gaby Hartel. Lesenswert.
khw


SAMUEL BECKETT GERMAN DIARIES
28. September 1936 – 1. April 1937
Übersetzt von Gaby Hartel
Herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich

Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
1352 Seiten 78,00 EUR